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Anja Pötzsch
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  • Medizinische Karrierewege

6 min

Ambulante Pflege zwischen Medizin und Unternehmertum – Ein Arzt berichtet aus der Praxis

Die ambulante Pflege gehört zu den wichtigsten Säulen unseres Gesundheitssystems. Gleichzeitig steht sie unter enormem Druck: steigende Kosten, Personalmangel und immer mehr ältere Menschen stellen Pflegeeinrichtungen vor große Herausforderungen. Wie sich diese Realität im Alltag anfühlt, zeigt die Geschichte von Noah Alsaria. Er ist Arzt in Weiterbildung und gleichzeitig Gründer eines ambulanten Pflegedienstes in Berlin. Sein beruflicher Weg ist ungewöhnlich – und bietet spannende Einblicke in die Zukunft der Pflege.

In der Podcastfolge von „Multicareer Meets“ erzählt Alsaria offen von seinem Weg, seinen Erfahrungen im Gesundheitssystem und den strukturellen Problemen, mit denen Pflegeeinrichtungen heute kämpfen. Gleichzeitig zeigt er, warum gerade die ambulante Pflege für ihn eine wichtige Chance darstellt, etwas im System zu verändern.

Vom Bauernhof im Jemen zum Arzt in Deutschland

Der Weg von Noah Alsaria beginnt weit entfernt von Deutschland. Er stammt aus dem Jemen und wuchs in einer einfachen Bauernfamilie auf. Bildung war für seine Eltern dennoch von großer Bedeutung. Sein Vater konnte selbst nicht schreiben, weil es in seiner Kindheit keine regulären Schulen gab. Gerade deshalb war es ihm wichtig, dass seine Kinder bessere Möglichkeiten erhalten.

2012 kam Alsaria mit einem Stipendium nach Deutschland. Sein Ziel war klar: Er wollte Medizin studieren. Doch zunächst musste er die deutsche Sprache lernen und ein Studienkolleg absolvieren, um die Voraussetzungen für ein Studium zu erfüllen. Schließlich erhielt er einen Studienplatz an der Charité in Berlin.

Die ersten Semester waren für ihn besonders anspruchsvoll. Viele seiner Kommilitonen waren Muttersprachler und hatten bereits familiäre Verbindungen zur Medizin. Während andere auf Erfahrungen aus dem Elternhaus zurückgreifen konnten, musste er sich alles selbst erarbeiten. Zusätzlich musste er neben dem Studium arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren.

Trotz dieser Herausforderungen schloss er sein Medizinstudium 2020 erfolgreich ab. Doch schon während des Studiums entwickelte sich eine Idee, die seine berufliche Laufbahn entscheidend verändern sollte.

Warum ein Arzt einen Pflegedienst gründet

Während seines Studiums arbeitete Alsaria nebenbei in der Pflege. Zunächst war diese Tätigkeit vor allem eine finanzielle Notwendigkeit. Mit der Zeit wurde sie jedoch zu einer wertvollen Erfahrung.

Als Pflegehelfer bekam er Einblicke in eine Perspektive, die viele Ärzte erst später kennenlernen. Pflegekräfte verbringen deutlich mehr Zeit mit den Patienten und erleben ihren Alltag unmittelbar. Sie sehen nicht nur medizinische Diagnosen, sondern auch die sozialen und emotionalen Herausforderungen der Menschen.

Diese Erfahrungen führten zu einem wichtigen Perspektivwechsel. Alsaria erkannte, dass viele ältere Menschen nicht in erster Linie medizinische Behandlung benötigen, sondern Unterstützung im Alltag.

Später, während seiner Arbeit in der Notaufnahme und in der Geriatrie, bestätigte sich dieser Eindruck. Immer wieder begegnete er älteren Patienten, die allein lebten und erst ins Krankenhaus kamen, wenn ihre Situation bereits kritisch geworden war.

Manche waren dehydriert, andere hatten mehrere Tage auf dem Boden gelegen, nachdem sie gestürzt waren. In vielen Fällen hätte frühzeitige Unterstützung solche Situationen verhindern können.

Aus dieser Erkenntnis entstand schließlich der Entschluss, selbst aktiv zu werden und einen ambulanten Pflegedienst zu gründen.

Ambulante Pflege: Warum sie für die Gesellschaft so wichtig ist

Die ambulante Pflege spielt eine entscheidende Rolle im Gesundheitssystem. Sie ermöglicht es älteren Menschen, weiterhin in ihrem eigenen Zuhause zu leben. Für viele Betroffene bedeutet das ein großes Stück Lebensqualität.

Das vertraute Umfeld gibt Sicherheit und Stabilität. Menschen behalten ihre gewohnten Abläufe und bleiben länger selbstständig. Gleichzeitig können Pflegekräfte Veränderungen im Gesundheitszustand frühzeitig erkennen und entsprechend reagieren.

Gerade nach Krankenhausaufenthalten ist diese Form der Betreuung besonders wertvoll. Patienten können sich zu Hause oft besser erholen als in einer stationären Einrichtung.

Trotz dieser Vorteile steht die ambulante Pflege vor erheblichen strukturellen Herausforderungen.

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Die wirtschaftliche Realität der ambulanten Pflege

Pflegedienste arbeiten in Deutschland innerhalb eines stark regulierten Systems. Für viele Leistungen erhalten sie feste Vergütungen von den Pflegekassen. Diese Pauschalen berücksichtigen jedoch nicht immer den tatsächlichen Aufwand.

In der Praxis führt das häufig zu einem Spannungsfeld zwischen Qualität und Wirtschaftlichkeit. Pflegekräfte investieren oft mehr Zeit in ihre Patienten, als das System eigentlich vorsieht. Gleichzeitig müssen Pflegedienste wirtschaftlich arbeiten, um ihre Mitarbeiter bezahlen und den Betrieb aufrechterhalten zu können.

Hinzu kommt, dass die Personalkosten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind. Höhere Löhne sind ein wichtiger Schritt, um den Pflegeberuf attraktiver zu machen. Gleichzeitig wurden die Vergütungssätze vieler Leistungen nicht im gleichen Maß angepasst.

Für Pflegeunternehmen bedeutet das eine zunehmende finanzielle Belastung. Viele Einrichtungen arbeiten mit sehr geringen Gewinnmargen oder geraten sogar in wirtschaftliche Schwierigkeiten.

Pflegekosten und Eigenanteile – ein wachsendes Problem

Ein weiteres strukturelles Problem betrifft die Finanzierung der Pflegeleistungen. Die Leistungen der Pflegeversicherung decken häufig nur einen Teil der tatsächlichen Kosten ab.

Gerade bei höheren Pflegegraden entstehen erhebliche Eigenanteile. Viele Familien sind mit diesen Kosten überfordert. Dadurch wird Hilfe oft erst sehr spät in Anspruch genommen.

Alsaria beobachtet in seiner Arbeit immer wieder, dass Patienten erst dann Unterstützung beantragen, wenn ihre Situation bereits stark verschlechtert ist. Manche Menschen wechseln direkt von keiner Unterstützung in sehr hohe Pflegegrade.

Dabei könnte ein früher Einstieg in die ambulante Pflege helfen, gesundheitliche Probleme frühzeitig zu erkennen und schwerwiegende Situationen zu vermeiden.

Fachkräftemangel als größte Herausforderung

Neben wirtschaftlichen Fragen ist der Personalmangel eines der zentralen Probleme der Pflegebranche. Pflegekräfte leisten täglich körperlich und emotional anspruchsvolle Arbeit.

Viele Einrichtungen kämpfen mit steigenden Krankenständen und kurzfristigen Ausfällen. Für Pflegedienste bedeutet das eine enorme organisatorische Herausforderung. Dienstpläne müssen ständig angepasst werden und Kollegen müssen zusätzliche Aufgaben übernehmen.

Dieser Druck kann wiederum zu weiterer Überlastung führen – ein Kreislauf, der viele Einrichtungen dauerhaft belastet.

Digitalisierung als Chance für die Zukunft der Pflege

Trotz der zahlreichen Probleme sieht Alsaria auch Chancen für positive Veränderungen. Besonders die Digitalisierung könnte den Arbeitsalltag vieler Pflegeeinrichtungen erleichtern.

Noch immer arbeiten viele Pflegedienste mit Papierdokumentation. Digitale Systeme könnten dagegen helfen, Informationen schneller zu erfassen und zwischen verschiedenen Akteuren im Gesundheitssystem auszutauschen.

Eine stärkere Vernetzung zwischen Ärzten und Pflegediensten könnte beispielsweise ermöglichen, dass Vitalwerte, Pflegeberichte oder Medikamentenpläne digital übermittelt werden. Dadurch ließen sich Veränderungen im Gesundheitszustand schneller erkennen und medizinische Entscheidungen frühzeitig treffen.

Langfristig könnte diese Vernetzung dazu beitragen, Krankenhausaufenthalte zu reduzieren und Patienten besser zu versorgen.

Interkulturelle Teams als Stärke der Pflege

Ein besonderes Merkmal von Alsarias Pflegedienst ist die kulturelle Vielfalt des Teams. Mitarbeiter aus verschiedenen Ländern arbeiten dort zusammen und bringen unterschiedliche Perspektiven mit.

Diese Vielfalt ist in der Pflege oft ein großer Vorteil. Viele Pflegekräfte sprechen mehrere Sprachen und können dadurch besser mit Patienten kommunizieren, die selbst einen internationalen Hintergrund haben.

Gerade in einer Großstadt wie Berlin kann diese interkulturelle Kompetenz den Pflegealltag deutlich erleichtern.

Motivation trotz Herausforderungen

Trotz der strukturellen Probleme bleibt Alsaria optimistisch. Seine Motivation beschreibt er mit einem einfachen Bild: Statt über Dunkelheit zu klagen, zündet man eine Kerze an.

Für ihn bedeutet Unternehmertum im Gesundheitsbereich nicht nur wirtschaftlichen Erfolg, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung. Pflege ist für ihn eine Aufgabe, die weit über betriebswirtschaftliche Kennzahlen hinausgeht.

Diese Haltung prägt auch seine langfristige Vision für die Zukunft.

Die Zukunft der ambulanten Pflege

Alsaria plant, seine Arbeit weiter auszubauen und neue Versorgungsmodelle zu entwickeln. Ein Ziel ist es, medizinische und pflegerische Betreuung stärker miteinander zu verbinden.

In Zukunft könnten beispielsweise Pflegedienste enger mit Arztpraxen zusammenarbeiten. Digitale Systeme könnten Informationen in Echtzeit übermitteln und so eine umfassendere Betreuung ermöglichen.

Gerade in Regionen mit Ärztemangel könnten solche Modelle eine wichtige Rolle spielen.

Fazit: Ambulante Pflege braucht neue Perspektiven

Die ambulante Pflege steht in Deutschland vor großen Herausforderungen. Eine alternde Gesellschaft, steigende Kosten und Fachkräftemangel erhöhen den Druck auf das System.

Gleichzeitig zeigen engagierte Unternehmer und innovative Ideen, dass Veränderungen möglich sind. Wenn Digitalisierung, bessere Arbeitsbedingungen und neue Versorgungsmodelle zusammenkommen, kann die ambulante Pflege eine noch wichtigere Rolle im Gesundheitssystem spielen.

Am Ende geht es dabei nicht nur um wirtschaftliche Fragen, sondern um die Lebensqualität vieler Menschen.

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Bleiben Sie neugierig – denn gute Strukturen entstehen nicht zufällig, sondern durch bewusste Gestaltung.

Autor

Anja Pötzsch
anja.poetzsch@multicareer.de