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Anja Pötzsch
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6 min

Rückkehr nach der Elternzeit im Gesundheitswesen: Herausforderungen, Chancen und praktische Tipps

Die Rückkehr nach der Elternzeit ist für viele Ärztinnen und Ärzte ein entscheidender Wendepunkt im Berufsleben, besonders im ohnehin angespannten Gesundheitswesen. Trotz Fachkräftemangel erleben Rückkehrende immer wieder Funkstille, Absagen und Zweifel – statt eines reibungslosen Neustarts. Im Karriere-Podcast schildert Dr. Anne Spierer, Fachärztin für Arbeitsmedizin, wie sie nach zwei Elternzeiten ihren Weg zurück in die Arbeitsmedizin gefunden und sich dabei eine echte Traumstelle erarbeitet hat. Ihr Weg zeigt eindrücklich, welche strukturellen Hürden es gibt, aber auch, welche mentalen Strategien und praktischen Schritte den Wiedereinstieg deutlich erleichtern können.

Reise zurück in die Arbeitsmedizin

Dr. Anne Spierer hat nach ihrem Medizinstudium zunächst klassisch in Orthopädie und Physikalischer Medizin gearbeitet und dort die operative, kurative Medizin sehr geschätzt. Mit der Zeit wurde ihr jedoch klar, dass Gesundheit mehr ist als Akutversorgung und Operation, sie interessierte sich zunehmend für den präventiven, beratenden Ansatz. Aus familiären Gründen, insbesondere durch Schicht- und Nachtdienste mit kleinen Kindern, suchte sie nach einer besser vereinbaren Alternative und fand ihren Platz in der Arbeitsmedizin.​

Im Rahmen ihrer Weiterbildung lernte sie unterschiedliche Settings kennen: Institut für Arbeitsmedizin an der Uniklinik, überbetrieblicher Dienst und schließlich der Wechsel in einen Großkonzern mit arbeitsmedizinischer Betreuung – eine Bandbreite, die sich später als Gold wert für ihren Wiedereinstieg erwies. Nach der zweiten Elternzeit war der Wunsch klar: ein neuer Arbeitgeber, neue Herausforderungen – und gleichzeitig ein Familienmodell, das wirklich tragfähig ist.

Elternzeit als Karrierebaustein nutzen

Statt Elternzeit als „Karrierepause“ zu sehen, hat Dr. Spierer sie bewusst als Entwicklungsphase gestaltet. Nach einem Jahr voller Fokus auf Familie nutzte sie das zweite Jahr, um berufliche und persönliche Projekte zu verfolgen, sobald die Kinder etwas „griffiger“ wurden und Betreuung durch Oma oder Babysitter möglich war.​

Gemeinsam mit ärztlichen Kolleginnen entwickelte sie ein Scheinfastenprogramm als betriebliche Gesundheitsmaßnahme – die „Fastenformel 5 plus 1“, fünf Tage Scheinfasten und ein Aufbautag, das sich gut in den Arbeitsalltag integrieren lässt. Dabei entstand nicht nur zusätzliches Fachwissen in ganzheitlicher Gesundheit und Ernährung, sondern auch Kompetenzen in Projektmanagement, Marketing, Strukturierung und Prozessgestaltung. Diese Erfahrungen sind heute unmittelbar in ihrem arbeitsmedizinischen Alltag nutzbar, etwa bei der Konzeption von Gesundheitstagen oder betrieblichen Präventionsprogrammen.​

Ihr Beispiel macht deutlich: Die Rückkehr nach der Elternzeit im Gesundheitswesen muss nicht automatisch mit dem Gefühl einhergehen, „stehengeblieben“ zu sein. Wer die Elternzeit aktiv nutzt, kann mit einem deutlich größer gefüllten „Bauchladen“ an Kompetenzen in den Bewerbungsprozess starten.

Jobsuche nach der Elternzeit: Strategien und Realität

Für ihre Rückkehr nach der Elternzeit im Gesundheitswesen setzte Dr. Spierer bewusst auf mehrere „Säulen“ der Stellensuche. Sie startete klassisch mit „Schaufenster-Shopping“ auf Jobportalen: Suchbegriffe wie „Fachärztin Arbeitsmedizin“ zeigten ihr, welche Stellen aktuell vakant sind und wo Voll- oder Teilzeit angeboten wird. Dabei bewarb sie sich auch auf Vollzeitstellen, mit der Haltung: Wenn es wirklich passt, findet sich oft eine Lösung.​

Parallel nutzte sie Initiativbewerbungen und griff intensiv auf ihr Netzwerk zurück, aufgebaut unter anderem in der Elternzeit über ein Ärztinnen-Mami-Netzwerk. Über diesen Weg entstanden zusätzliche Gespräche und Kontakte, die schließlich mit dazu führten, dass sie ihre neue Position über das Netzwerk fand. Die Rückmeldungen der Arbeitgeber waren in ihrem Fall überwiegend schnell und wertschätzend; spätestens nach einer Woche hatte sie Reaktionen, und sie setzte sich selbst die Grenze, nach zwei Wochen aktiv nachzufragen.​

Trotzdem deckt ihre Erfahrung nicht den Alltag vieler anderer Bewerber:innen: Lückenhafte Kommunikation und sehr lange Prozesse führen oft dazu, dass gute Kandidat:innen abspringen oder sich für schnellere Arbeitgeber entscheiden. Für die Rückkehr nach der Elternzeit im Gesundheitswesen wird damit deutlich: Bewerbende profitieren massiv davon, sich breit aufzustellen und gleichzeitig aktiv an der eigenen Sichtbarkeit und Erreichbarkeit zu arbeiten.

Hier ist unser Karriere-Podcast für Menschen im Gesundheitswesen.
Bei uns geht es nicht (nur) um schnelle Tipps zum nächsten Job, sondern um ehrliche Gespräche über das, was bleibt und das, was sich verändern darf.
Zwischen Berufsrealität und Sinnfragen, Karrierewunsch und innerem Zweifel – dieser Podcast schenkt Orientierung, stärkt Haltung und erzählt Geschichten, die unter die Oberfläche gehen.

Teilzeit als Knackpunkt beim Wiedereinstieg

Die größte Hürde auf dem Weg der Rückkehr nach der Elternzeit im Gesundheitswesen war für Dr. Spierer nicht das Fachliche, sondern die konkrete Arbeitszeitgestaltung. Ihr Ziel: halbtags arbeiten, relativ pünktlich gehen und die Kinder vor 17 Uhr aus der Betreuung abholen zu können. Viele Arbeitgeber forderten jedoch ganze Tage oder Teilzeit vor allem am Nachmittag, aus nachvollziehbaren ökonomischen Gründen wie der Auslastung von MFA, Geräten und Nachmittags-Terminen.​

Gerade hier zeigte sich der Wert eines belastbaren Netzwerks und von Vertrauensvorschuss: Über einen leitenden Arzt, den sie bereits kannte, gelang es ihr, ein Modell mit vier bis sechs Stunden pro Tag zu realisieren. Die Rückkehr nach der Elternzeit im Gesundheitswesen erfordert deshalb oft mehr als gute Qualifikationen, sie braucht Arbeitgeber, die bereit sind, von starren Jobdescriptions abzuweichen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Gleichzeitig hilft es, wenn Bewerbende ihre Rahmenbedingungen klar benennen und dennoch offen für verschiedene Modelle bleiben.

Mentale Haltung: Der „Bauchladen“ und die Sache mit dem Match

Ein zentrales Bild aus dem Podcast ist der „Bauchladen“: Alles, was man kann, gehört in die Auslage, gerade bei der Rückkehr nach der Elternzeit im Gesundheitswesen. Dazu zählen nicht nur Abschlüsse, Facharzt, Promotion oder Stationen im Lebenslauf, sondern ausdrücklich auch Kompetenzen aus der Elternzeit: Netzwerkaufbau, Projektarbeit, Gesundheitsprojekte, aber auch die „unsichtbaren“ Skills aus dem Familienmanagement.​

Dr. Spierer beschreibt Eltern als „Head of Care“ oder „Head of Familienmanagerin“, mit Fähigkeiten wie Flexibilität, Effektivität, Prioritätensetzung und Deeskalation, die jeden Tag im Umgang mit Kindern trainiert werden. Diese Kompetenzen sind im arbeitsmedizinischen Setting hoch relevant, etwa bei ASA-Sitzungen, in Gesprächen mit Unternehmen oder in Konfliktsituationen. Ihr Rat: Diese Erfahrungen gehören aktiv in Vorstellungsgespräche, statt aus Scham oder Bescheidenheit verschwiegen zu werden.​

Gleichzeitig hilft eine entlastende Grundhaltung: Wenn es wirklich passen soll, dann „matcht“ es und wenn nicht, hat auch das seinen Sinn. Absagen und sogar ausbleibende Rückmeldungen bleiben unangenehm, sind aber kein persönliches Urteil über die eigene Kompetenz, sondern oft Ausdruck interner Prozesse und Prioritäten.

Alternativen denken: Mehr Wege im Gesundheitswesen als sichtbar

Viele Ärztinnen und Ärzte stehen vor der Frage, ob sich Kinderwunsch und Karriere im Gesundheitswesen überhaupt sinnvoll vereinen lassen. Dr. Spierer beschreibt, dass sie selbst lange in diesem Spannungsfeld stand, vor allem, als sie noch in der Orthopädie tätig war. Ein Schlüssel lag für sie darin, jede Lebensphase separat zu betrachten: Die klinische Zeit in der Akutmedizin hatte ihre Berechtigung, doch mit kleinen Kindern verschoben sich Prioritäten und Rahmenbedingungen.​

Für die Rückkehr nach der Elternzeit im Gesundheitswesen lohnt sich daher ein weiter Blick:

  • Arbeitsmedizin, BGM/BGF und Prävention.
  • Gesundheitsämter, sozialpädiatrische Zentren, medizinischer Dienst, Gutachtertätigkeit.​
  • Ambulante OP-Zentren mit planbareren Einsatzzeiten, auch in chirurgischen Fächern.​

Es muss nicht „klinische Vollgas-Karriere oder Ausstieg“ heißen; oft gibt es Zwischenschritte und alternative Pfade, die zur jeweiligen Lebensphase besser passen. Fachliche Fähigkeiten gehen nicht einfach verloren, wer operieren gelernt hat, verlernt das nicht in ein, zwei Jahren Auszeit.

Konkrete Tipps für die Rückkehr nach der Elternzeit im Gesundheitswesen

Aus dem Gespräch lassen sich mehrere praktische Empfehlungen ableiten:​

  • Frühzeitig Netzwerk aufbauen und pflegen: Ärztinnen-Mami-Netzwerke wie „Mabendocs“ oder andere Fach-Communities können Türöffner für Stellen und Ideen sein.​
  • Elternzeit aktiv nutzen: Projekte, Fortbildungen oder Gesundheitsprogramme wie das Scheinfasten-Konzept zeigen Engagement und erweitern den eigenen „Bauchladen“.​
  • Arbeitszeitwünsche klar formulieren: Gleichzeitig offen bleiben, verschiedene Modelle zu diskutieren, etwa Kombination aus Vormittagen, einem längeren Tag oder Homeoffice-Anteilen, soweit fachlich möglich.​
  • Selbstbewusst über Kompetenzen sprechen: Fähigkeiten aus Familienalltag und Elternzeit offensiv benennen, statt sie als „Lücke“ im Lebenslauf zu werten.​
  • Mentale Flexibilität: Akzeptieren, dass Karriere im Gesundheitswesen in Phasen verläuft und es legitim ist, Schwerpunkte temporär zu verschieben.​

Die Rückkehr nach der Elternzeit im Gesundheitswesen ist und bleibt eine Herausforderung, aber keine unlösbare. Mit einem klar gefüllten „Bauchladen“, einem starken Netzwerk und einem offenen Blick auf alternative Karrierewege kann sie sogar zum Ausgangspunkt für eine berufliche Neuorientierung werden, die besser zum eigenen Leben passt als zuvor.

Autor

Anja Pötzsch
anja.poetzsch@multicareer.de